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Countdown 42: Wie Frauen die Fakultät retteten

Günter Brockmeier war von Januar bis September 2017 erster Vorsitzender des Förder- und Alumnivereins der Fakultät Bio- und Chemieingenieurwesen. An viele Frauen, die Anfang der siebziger Jahre mit ihm im Hörsaal saßen, um Chemietechnik zu studieren, erinnert er sich nicht.

Seit 1975 gibt es genaue Aufzeichnungen zur Anzahl der Studentinnen im Fachbereich: Mit einem Anteil von 1,4 % waren sie in der Tat stark unterrepräsentiert. Dies änderte sich jedoch schnell. Schon ein Jahr später, im Winter 1976, betrug ihr Anteil dann 13 % (siehe Abbildung 1). Ein solch schneller Zuwachs konnte zwar nicht beibehalten werden, über die Jahrzehnte hinweg gab es aber - trotz insgesamt fallender Studierendenzahlen - einen stetigen Zuwachs an Frauen. Als Anfang des neuen Jahrtausends die Anzahl der Studierenden so dramatisch gesunken war, dass der Fachbereich kurz vor der Schließung stand, kam mit den Frauen die Rettung: In den 2002 neu geschaffenen Studiengang Biotechnik schrieben sich 130 Studierende ein, darunter 48,5 % Studentinnen. Im heutigen Studiengang Bioingenieurwesen erreichen wir mit knapp 50 % Frauenanteil eine Zahl, die der natürlichen Verteilung in dieser Altersgruppe entspricht. Diese hohe Quote ist für ein Ingenieurstudium absolut ungewöhnlich, und darauf sind wir stolz.

„Bio“ zieht Frauen an und auch vom Ingenieurwesen lassen sich Abiturientinnen nicht abschrecken. Die Studierendenzahlen nehmen in der Folge stetig zu. Betrachtet man beide Studiengänge der Fakultät zusammen, scheint der Anteil der Studentinnen in den letzten Jahren bei etwa einem Drittel nun eine Sättigung erreicht zu haben. Mit zahlreichen Maßnahmen der Frauenförderung sorgen wir aber dafür, dass das Niveau gleich bleibt und hoffen darauf, dass der Anteil im Chemieingenieurwesen weiter steigt. Wichtige Projekte sind in diesem Zusammenhang z.B. der Girls` Day oder das Mentoring von Mittelstufenschülerinnen durch Studentinnen der Fakultät. Unsere Studienwerbung spricht Frauen an und wir ermutigen Schülerinnen zur Aufnahme sogenannter MINT-Studiengänge (MINT= Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Nicht nur an der Eingangstür zur Fakultät unterstützen wir Frauen. Gleichstellung zu erreichen, heißt auch, diese Förderung während des Studiums und beim Übergang in den Beruf weiterzuführen. Als verstärkende Maßnahme haben wir im vorletzten Jahr mit „FrauendING“ eine Dialogveranstaltung ins Leben gerufen, die unsere Studentinnen schon früh auf Aspekte des Berufslebens einstellt. In dieser Veranstaltungsreihe können sie sich mit „gestandenen“ Ingenieurinnen austauschen, ihnen Fragen stellen, ihre eigenen Ziele reflektieren und sich auf den Berufseinstieg vorbereiten.

Während es die Mehrheit unserer Absolventinnen in die Industrie zieht, gibt es erstaunlicherweise keine große Neigung zu promovieren. Das wollen wir ändern. Bei Promotionen und Habilitationen weist die Fakultät in den letzten Jahren im Durchschnitt einen weiblichen Anteil von rund 20 % auf, der nicht dem oben genannten realen Anteil weiblicher Studierender entspricht (siehe Abbildung 2). Wir sind bestrebt, in den einzelnen Ausbildungsstufen, den Kaskaden, die spezifischen Frauenanteile zu erreichen. In diesem sogenannten Kaskadenmodell wird dem Umstand bereits Rechnung getragen, dass in den Ingenieurwissenschaften weniger Frauen studieren und ihre akademische Karriere durchlaufen. Unser Ziel ist es aber, dass sich die Verteilung in den einzelnen Bildungsstufen wenigstens auf dem Niveau der tatsächlichen Zahlen der Studentinnen in den Studiengängen befindet.

Vor allem auf der höchsten wissenschaftlichen Karrierestufe, der der Professorinnen und Professoren, sehen wir in unserer Fakultät Nachholbedarf. Frau Prof. Dr. Gabriele Sadowski ist seit 2001 die erste und bisher einzige Professorin der Fakultät seit der Eröffnung 1969. Das entspricht einem Anteil von 7,5 %. Aber wir wollen mehr erreichen, um dem Kaskadenmodell gerecht zu werden. Angesichts kommender Neuberufungen in den nächsten Jahren wünschen wir uns hier ein weiteres „Role Model“ für Wissenschaftlerinnen. Wir bleiben dran!